Interview mit Andrea Wirges-Klein:„Die Sanitärprodukte werden zu einem Instrument im Orchester.“

05/12

Nach dem Architekturstudium in ihrer Heimatstadt Köln und einem Zusatzstudium in der Baudenkmalpflege ist Andrea Wirges-Klein für verschiedene renommierte Architekturbüros tätig – unter anderem für Gottfried Böhm –, bevor sie sich 2003 mit dem Büro Wirges-Klein Architekten in Bonn selbstständig macht. Da sie sich nicht vor Innenraumgestaltung, Möbelentwürfen und Lichtkonzepten scheut, ist für sie auch die Gestaltung der Bäder nicht weniger als ein integraler Bestandteil des Gesamtentwurfs. 

Welchen Stellenwert hat das Bad heute, und wie wird er sich in Zukunft darstellen?

Ein guter Tag beginnt in einem schönen Wohlfühlbad. Es geht um mehr als Waschen und Zähne putzen. Wärme, angenehmes Licht, Düfte, Farben und Wasser inspirieren Körper und Sinne. Ansprechende Möbel, Holz, textile Stoffe und flauschige Teppiche – kurz: Materialien, die dort lange Zeit verpönt waren –, lassen das Bad nun zu einem Raum mit eigenem Charakter werden, zum Entspannen, für Fitness und Körperpflege. Immer häufiger wird deshalb auch die strikte Trennung des Bades zu Schlaf- und Wohnräumen aufgegeben. Auch an der Architektur lässt sich mittlerweile gut ablesen, dass das Bad sich von der Nasszelle zum Wohlfühlbereich entwickelt hat: Bäder werden größer und gehen oftmals fließend in andere Bereiche über. Selbst Privatsaunen lassen sich problemlos integrieren. Es ist zu erwarten, dass in Zukunft auch Multimedia, Internet, Radio, Audioplayer und Flachbildschirme im Bad verstärkt Einzug halten werden. Die zunehmende Vernetzung eröffnet hier neue Möglichkeiten. Baden und Duschen werden zum entspannenden Erlebnis. Zudem denke ich, dass Bäder immer nutzerfreundlicher werden, also weniger Barrieren aufweisen und durch Automatisierung Möglichkeiten zur Personalisierung für mehr Komfort bieten werden. Ein Beispiel dafür sind programmierbare Armaturen. 

Was verstehen Sie unter einer ganzheitlichen Badplanung?

Es geht darum, die Wünsche und Bedürfnisse des Badnutzers möglichst umfassend zu berücksichtigen. Dazu muss ich den Bauherrn kennenlernen; wir besuchen gemeinsam Bad- und Fliesenausstellungen und kommen so dem Wunschbad immer näher. Die Auswahl der Sanitärobjekte, der Materialien und Farben sowie des Lichtkonzepts erfordert Erfahrung und Fingerspitzengefühl. Schließlich achte ich auch darauf, dass es nicht zu einem Bruch mit dem Gestaltungskonzept des übrigen Gebäudes kommt. Im Gegenteil: Wo immer möglich, wird das Bad in die ganzheitliche Planung der Räume integriert. Für die Realisierung braucht es eine praxisgerechte Planung, die vorausschauende technische Umsetzung und die fachliche Baubetreuung. Denn es sind eine ganze Reihe von Gewerken zu koordinieren, so zum Beispiel Rohbauarbeiten, Sanitär-, Heizungs- und Elektroinstallationen, Fliesenarbeiten und so weiter. Dazu erstellen wir Detailpläne, die alle diese Gewerke berücksichtigen. 

Ein Badezimmer muss auf die Bedürfnisse der Bewohner abgestimmt sein. Wie erfahren Sie von diesen Bedürfnissen? Dabei geht es ja auch um Intimes.

Nun, hier muss man keine Intimitäten preisgeben. Aber ein intensives Kennenlernen, Gespräche, die Vertrauen schaffen, das ist schon sehr wichtig. Es geht darum, gewohnte Abläufe im Bad zu erfragen, aber auch zu hinterfragen – vieles lässt sich optimieren. Dazu nutzen wir Pläne des bestehenden Bades und Beispielplanungen. Die Familien- und Lebensplanung spielt neben den Wünschen und dem Budget eine wesentliche Rolle. Bei den gemeinsamen Besuchen in den Badausstellungen des Handels und des SHK-Handwerks können wir Produkte testen, anfassen und kombinieren. Durch meine Erfahrung kann ich den Bauherrn in diesem Prozess beraten und leiten und ihm so die nötigen Entscheidungen erleichtern. 

Wie wichtig ist bei der Badplanung die Berücksichtigung des Umfeldes vom Haus – wie etwa die Lage, Bäume, Garten oder Ähnliches?

Im ersten Moment könnte man diese Frage belächeln, aber wir planen auch Bäder, die große Glasflächen und einen Ausgang zum Garten oder auf die Terrasse haben. Befindet sich beispielsweise eine Sauna im Bad, kann man nach dem Saunagang bequem an die frische Luft wechseln oder draußen eine kalte Dusche nehmen. Wir wollen die Nähe zur Natur und dennoch unsere Intimität wahren. Den Sichtschutz können in diesem Fall freistehende Wandscheiben aus Naturstein oder Sichtbeton, Pflanzen oder andere gestalterische Elemente übernehmen. Insofern koordiniert der Architekt die Badplanung auch mit der Gestaltung des Gebäudeumfelds auf dem Grundstück. 

Das moderne Bad hat sich vom funktionalen zum emotionalen Raum entwickelt. Welche Möglichkeiten haben Sie als Architekt, um diese Emotionalität zu fördern?

Moderne Bäder müssen nicht mehr vollständig verfliest sein. Es reicht oftmals aus, den Spritzwasserbereich mit Fliesen zu versehen. Stattdessen findet man zunehmend Hölzer und textile Oberflächen im Bad. Ansprechende Badmöbel und innovative Sanitärkeramik ersetzen die langweiligen Einrichtungen der Vergangenheit. Sitzmöbel erleichtern die Körperpflege, laden zum Verweilen ein, und auf den Böden liegen Badteppiche aus. Ein Farben- und Beleuchtungskonzept sorgt für Wohlfühlatmosphäre. Neuartige Materialien wie farbige Architekturgläser, Sicherheitsgläser mit eingelagerten Pflanzen, Textilien usw. oder Natursteinnachbildungen eröffnen hier kreative Spielräume. 

Welche Sanitärprodukte profilieren in Ihren Augen das Erscheinungsbild eines Bades und warum?

Lange Zeit prägten einzelne Sanitärobjekte wie Wanne, Dusche, Waschbecken und Toilette das Erscheinungsbild eines Bades allein aufgrund ihrer massiven Präsenz. Auch dominierten sie den Gestaltungsstil: rundlich oder kantig, reduziert oder verspielt. Heute werden Badewannen teilweise oder ganz eingelassen, Duschen werden bodengleich ausgeführt, Waschbecken können in und auf Möbeln und Flächen integriert werden. Letztlich kommt es darauf an, die Sanitärprodukte ihrer Nutzung entsprechend im und mit dem Raum zu inszenieren. Die geschickte Anordnung der Produkte vermittelt ein großzügiges Raumgefühl, kann Zonen schaffen, Offenheit oder Intimität erzeugen, Bewegungsabläufe optimieren. Die Sanitärprodukte werden dabei zu einem Teil des Ganzen, zu einem Instrument im Orchester. 

Was genießen Sie in Ihrem Badezimmer besonders?

Die Herausforderung! Mein Badezimmer ist nachträglich in den Grundriss eines Jugendstilgebäudes aus dem Jahr 1900 integriert worden. Obwohl die Raumgröße nicht sehr viel Spielraum lässt, könnte man manches optimieren. Das nenne ich eine Herausforderung! Der Genuss lässt also noch etwas auf sich warten. 

 

Weitere Informationen: 

www.wirges-klein.de