Interview Andreas Dornbracht - Teil 1:"Barrierefreiheit ist ein Begriff, der nicht gerade Appetit macht"

05/12

Andreas Dornbracht gilt als Vordenker seiner Branche. Für einen Armaturen- und Accessoireshersteller hat das von ihm mitgeführte Familienunternehmen gleichen Namens ungewöhnlich viele Impulse für einen ganzheitlichen Gestaltungsansatz im Baddesign gegeben. Und auch als Präsident der Vereinigung Deutsche Sanitärwirtschaft e.V. (VDS), des Dachverbandes für den Bereich Bad und Sanitär mit 10 Mitgliedsverbänden aus Industrie, Fachgroßhandel und Fachhandwerk, scheint er die Branche in Richtung Gesamtkonzeptionen voranbringen zu wollen. Im ersten Teil des Interviews spricht Dornbracht über das bislang oftmals vernachlässigte Thema Demografie. 

Ein Thema, das die Menschen bewegt und das auch auf der Leitmesse der Sanitärbranche, der ISH, von Ihrem Dachverband promotet wird, ist die Nutzbarkeit des Bades insbesondere für ältere Menschen. Warum tut man sich ein wenig schwer mit entsprechenden Konzepten, obwohl das doch unbestritten ein Zukunfts- und Wachstumsmarkt ist?

Es gibt schon gute Produktlösungen. Ich denke aber, dass eine integrative Betrachtung notwendig ist: Wie muss ein solches Bad eigentlich aussehen? Wie kann das Bad im Alter, möglichst zu Hause und privat, noch ohne Hilfe genutzt werden? Solche architektonischen Konzepte sind von den Sanitärherstellern noch nicht deutlich genug ausgearbeitet und geschult worden. Hier drehen wir uns ein bisschen im Kreis: Wenn eine Nachfrage durch den Absatzkanal nicht stimuliert wird – im Sinne einer Vermarktung möglicher Produkt- und Architekturlösungen –, dann sind auch die Hersteller weniger bereit, in solche Produkte zu investieren. 

Liegt das nicht auch an Begrifflichkeiten?

Es ist schwer, hier die richtige Vermarktungsstrategie zu finden. Wie spreche ich diese Zielgruppe an? Das läuft meist unter dem Begriff Barrierefreiheit, ein Begriff, der nicht grade Appetit macht, sondern das Thema funktional interpretiert. Wir müssen es vielleicht emotionaler präsentieren. Die Produkte werden technisch und auch ästhetisch immer besser. Was uns noch fehlt, ist der richtige Weg, das Bewusstsein bei einem 60-jährigen Bauherrn zu wecken, dass er in 10 Jahren vielleicht nicht mehr selbstständig in die Badewanne steigen kann. Das ist vergleichbar mit der Herausforderung, ein Bidet zu verkaufen. Wir sind daher schon sehr gespannt, mit welchem Erfolg sich die Dusch-WCs und die Aufsätze für WCs vermarkten lassen. 

Es scheint aber, dass es beim Thema „Bad für ältere Menschen“ bislang mehr um DIN-Normen als um die Bedürfnisse der Menschen ging.

Das Thema muss von uns stärker vorangetrieben werden. Auf den demografischen Wandel bezogen scheint mir aber auch entscheidend, wie sich die Gesellschaft grundsätzlich orientiert. Die große, seit Jahren erörterte politische Frage, die jetzt vom demografischen Wandel und durch den medizinischen Fortschritt beschleunigt wird, ist doch, wie wir unser Gesundheitswesen finanzieren. Ich denke, dass wir einen Paradigmenwechsel brauchen – nämlich von der Nachsorge zur Vorsorge. Unser Gesundheitswesen, das Milliarden kostet, ist eigentlich ein Nachsorgewesen. Wir müssen mehr in die Vorsorge investieren! Die Gesellschaft wird sich dazu bekennen müssen – sowohl durch politische und versicherungstechnische Rahmenbedingungen als auch durch private Initiative. Prävention ist ein Riesenthema! Und hier, glaube ich, kann das Bad eine große Rolle spielen. Wir sollten beim demografischen Wandel nicht nur daran denken, wie das Bad in einem höheren Alter selbstständig genutzt werden kann, sondern auch daran, wie man selbstständig bleibt. Wie bleibe ich fit? Wie bleibe ich gesund, so lange wie möglich? Das Bad könnte zum Präventivzentrum für das körperliche Wohlbefinden und die körperliche Gesundheit werden. Und wenn wir über das Bad als Rückzugsort nachdenken, auch für die geistige Gesundheit. 

 

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